Die Schulung des Ego
Das Ego wird trainiert wie ein Pferd
Das Ego wird vom Sufi genauso trainiert wie ein Pferd von seinem Reiter. Ein Zaum wird ihm angelegt und sein Herr hält die Zügel in der Hand. Dieses Training nennen die Hinus Yoga, d. h. mit Hilfe der Enthaltsamkeit die Beherrschung des Ichs zu erlangen. Oft, wenn ein Mensch unrecht tut, möchte er dies gar nicht tun, sondern er ist nicht fähig, sich von solchem Tun zurückzuhalten. In erster Linie ist Unrecht tun fast immer die Folge von Gelüsten und Leidenschaften oder dem Befriedigen der Eitelkeit. Deshalb wurde von den Mystikern oft das Fasten und besondere Körperhaltungen geübt. Je mehr man den Leidenschaften und Gelüsten nachgibt, desto mehr wird man deren Sklave, bis man in einen Zustand gerät, in dem man gegen das eigene Gewissen redet und handelt. Untugenden, wie Betrug, Schmeichlerei, Falschheit und alle anderen ihresgleichen rühren von Mangel an Willenskraft her und von der Widerstandslosigkeit gegenüber den Leidenschaften. Um das Ego zu schulen, ist es nicht unbedingt nötig, sich aller physischen Wünsche zu enthalten.
Der Gedanke ist, ein Verlangen zu beherrschen , anstatt sich von ihm beherrschen zu lassen. Die Klage einer jeden Seele und die Reue jeder Seele hat immer den gleichen Grund: die Versklavung des Menschen durch das Nachgeben gegenüber seinen Begierden. Wenn man sich mit der Begierde identifiziert, erlaubt man ihr, einen zu beherrschen. Und man bemitleidet sich selbst, was die Sache noch schlimmer macht. Das Verlangen nach einem momentanen Genuss wird zu einer Entschuldigung für das Nachgeben. So schiebt z. B. jemand, der zu spät aufsteht, die Schuld auf die Kälte: er habe nicht anders können wegen der Kälte, sagt er. Der Verstand liefert immer und für alles eine Entschuldigung. Aber den Konsequenzen kann man nicht entgehen, und die Reue, die folgt, beweist, dass ein Fehler begangen wurde.
Hat ein Mensch sich einmal an seine Fehler gewöhnt, stumpft sein Gefühl dafür ab, und er hat keine Skrupel mehr. Er wird dann zu einem Sklaven seiner Fehler und gleicht einem Wurm. Die Fehler werden zu seinen Lebensgewohnheiten. Darum bedeutet in der Sprache der Hindus das Wort für Hölle ein Ort voller Würmer. Mit anderen Worten: man nährt sich von seinen Fehlern, und die Fehler finden ihre Nahrung in einem. Bei genauer Beobachtung sind derartige Fälle nicht selten. Manche kann jedermann beobachten, andere sind verborgen.
Diejenigen, die den Wert der Selbsterziehung kennen, halten sie für das Wichtigste im Leben. In dieser Erziehung besteht der erste Schritt darin, sich zu fragen:"Warum muss ich dieses Ding haben? Warum soll ich es nicht haben? Und wenn es für mich nicht gut ist, warum soll ich es dann nicht haben?" Wenn jemand es sich so zur Gewohnheit gemacht hat, mit seinem Ego in diese Weise über jede physische Begierde zu reden, wird er immer imstande sein, das zu tun, was er tun sollte.
aus: Hazrat Inayat Khan: Die Gathas, S. 179-181